Kurzgeschichten

Was bleibt?

Als Lina am Montag zur Schule ging, wusste sie nicht, was sie dort Schlimmes erwartet.

Alles begann am Samstag, ohne dass Lina davon ahnte. Sie skypte am Abend mit einem Jungen, der aus ihrer Parallelklasse war, zumindest sagte er das. Das Telefonat dauerte ungefähr eine halbe Stunde, danach zog sie sich ihren Schlafanzug an und setzte sich mit ihren Laptop ins Bett. Der Junge war noch online, sie wollte ihn aber nicht nochmal anschreiben, dass kam ihr zu aufdringlich vor und sie mochte ihn. Er war verständnisvoll, nett und sie fand ihn süß. Am Sonntag hatte sie viel für die Schule zu erledigen und ein Ausflug mit ihren Eltern war ebenfalls geplant. Sie schaffte es nicht einmal, ihr Handy anzumachen oder ins Netz zu gehen. Am Montag, in der Schule, waren alle so komisch, guckten sie von der Seite an, lachten oder tuschelten, wenn sie vorbeiging. Einer sagte: “Lina, willst du heute Abend nicht mal bei mir vorbeikommen und mir mehr als das tolle Video zeigen?” Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Was wollte der bloß? Und von welchem Video sprach er? Die Sache kam ihr komisch vor, also machte sie ihr Handy an und ging auf Instagram. Als sie sah, was jemand von ihr hochgeladen hatte, wurde ihr schlecht. Irgendjemand hatte sie gestern Abend beim Ausziehen gefilmt und es sofort geteilt. Ein ganzer Shitstorm, viele schlimme Kommentare, unter einem Video, in dem man sie kurz nackt sah. Ihr gingen tausend Dinge durch den Kopf! Wer hat mich gefilmt? Wer hat das reingestellt? Wieso macht der sowas? Sie rannte weg, weg von den hunderten Leuten in ihrer Schule, die das Video gesehen hatten, weg von den dummen Sprüchen. Sie rannte, bis sie nicht mehr atmen konnte. Wie sollte es jetzt weitergehen? Was würden ihre Eltern dazu sagen? War es denn überhaupt ihre Schuld? Sie wollte nicht die Schule wechseln oder irgendwo anders hinziehen, sie hatte hier Freunde. Also würde sie kämpfen. Dafür das der, der das Video gemacht hatte, seine Strafe bekommt. Ja, sie wollte stark sein und allen Leuten trotzen! Etwas anderes könnte sie nicht akzeptieren. Aber es ging leider nicht so leicht, wie sie sich das vorgestellt hatte. Die Polizei konnte den Täter nicht finden, er war nicht dumm. Wochenlang stocherten sie im Dunkeln. Lina hatte keine wirklichen Freunde mehr, allen war es peinlich mit ihr zusammen zu sein. Keiner glaubte ihr. Ihr ging es schlecht, ihre Eltern wussten nicht, was sie machen sollten, außer sie zu einem Psychologen zu schicken. Aber auch der konnte ihr nicht helfen. Lina benutzte nie wieder Skype, eine Kamera und auch keine anderen sozialen Netzwerke. Sie wollte nichts mehr mit dieser scheiß-Welt zu tun haben. Also beschloss sie zu gehen.

ENDE

Lucie Wiedow

 

Das Vermächtnis

Eine alte Dame, die sehr berühmt ist und ein großes Vermögen besitzt, bekommt vom Arzt bestätigt, dass ihr Leben sich dem Ende zuneigt. Ihr letzter Wunsch ist, dass ihr Vermögen in beste Hände gelangt. Normaler Weise vererbt man das Vermögen an seine Nachfahren, doch die alte Dame, genannt “Madame Rouge”, hat eine Tochter, mit der sie sich vor Jahren zerstritten hat. Die Dame hat vor ein paar Monaten gehört, dass sie in Nigeria wohnt. Der alten Dame bleiben zwei Möglichkeiten: sie spendet das Geld an das Kloster, denn die Nonnen aus dem Kloster kümmern sich um “Madame Rouge”, pflegen sie und bemühen sich, so dass die Dame noch ihre letzten Tage genießen kann. Oder sie vererbt ihr Vermögen an ihre Tochter. Die alte Dame bittet die Nonnen, ihre Tochter finden. Zwei Nonnen machen sich einen Tag später auf den Weg und fliegen nach Nigeria. Sie erfahren von einer Krankenstation, wo die Tochter der Dame als Novizin arbeitet, und sind froh, dass sie sie so schnell gefunden haben. Alle drei machen sich auf den Weg und kehren gerade noch rechtzeitig zurück. “Madame Rouge” erzählt die letzten Stunden ihres Lebens mit ihrer Tochter, wie es zu dem Streit gekommen ist und dass beide etwas falsch gemacht haben. Der Notar, der das Vermächtnis in einem Testament festhält, ist sofort gekommen, um es zu ändern. Die alte Dame lässt ihre Tochter noch zu sich bitten, nimmt deren Hand, gibt ihr einen Kuss auf die Wange und sagt, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass alles gut werde. Als letztes sagt sie, dass sie nicht weinen solle, lehnt sich zurück, schließt die Augen und schläft sanft ein. Der Tochter fließt eine Träne über die Wange und sie spürt das erste Mal, wie sehr sie ihre Mutter liebt. Fünf Tage vergehen bis zur Beerdigung, bei der sie von der Mutter Abschied nimmt und mit ihr Frieden schließt. Vierzehn Tage später kommt die Tochter zur Testamentseröffnung, als sie es las, zog vor ihrem geistigen Auge ihr Leben vorbei. Ihrer Mutter vererbt ihr alle Immobilien, das Geld hingegen erhält das Kloster. Die Immobilien umfassen Villen, Schlösser, Landsitze mit Pferden und Sommerhäuser. Dazu gehören außerdem viele Ländereien, Parks und Gärten. Die Tochter entschließt sich, aus den Villen Frauenhäuser zu machen, aus den Schlössern Kinderheime und die Landsitze zu Pferdetherapiestätten für behinderte Kinder umzubauen. Die Sommerhäuser werden Ferienwohnungen für Familien, die wenige finanzielle Mittel zur Verfügung haben, damit die Kinder einmal Urlaub genießen können. Das ganze Geld ist zum Bau von Schulen in südliche Länder geflossen und für Krankenstationen des Ordens in aller Welt. Ein kleiner Vermögensteil ist geblieben für die Instandhaltung der Häuser und für das Personal. Die Tochter ist bereits Nonne geworden in einem Kloster in der Heimat ihrer Mutter. Es wäre bestimmt im Sinne ihrer Mutter gewesen.

Julia Mencke

 

Die Schneeflocke

Ich bin Snowy, die Schneeflocke. Im Moment fliege ich irgendwo über Europa. Also habe ich genug Zeit, euch meine Geschichte zu erzählen. Eigentlich bin ich sehr alt. Fast so alt wie die Erde sogar. Aber vermutlich war ich damals noch ein Wassertropfen und noch keine Schneeflocke. Das ist aber so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann.
Am besten fange ich da an zu erzählen, wo ich, wie jetzt auch wieder, als Schneeflocke auf Europa, genauer gesagt auf Deutschland, zuflog. Das ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her.
An das Fliegen hatte ich mich längst gewöhnt. Als Schneeflocke beziehungsweise als Wassertropfen passiert das ja schon öfter. Allerdings konnte ich mich kaum noch an meinen letzten Aufenthalt in Deutschland erinnern und genoss diesen tollen Ausblick. Jetzt konnte ich schon feststellen, dass ich irgendwo kurz vor den deutschen Alpen landen würde. Dort war schon alles voll Schnee. Viele Menschen schoben den Schnee vor ihren Hauseingängen weg. Direkt in einem Schneehaufen landete ich mit einigen anderen Flocken. Als der Hauseingang neben unserem Haufen von einem Mann freigeschaufelt war, kamen zwei Kinder nach draußen. Es waren ein Mädchen und ein Junge. Erst machten sie eine kleine Schneeballschlacht mit dem Schnee von einem anderen Haufen. Dann nahmen sie den restlichen Schnee und machten eine riesige Kugel daraus. Ich ahnte was das werden sollte. Als sie dann noch eine Kugel, dieses mal etwas kleiner, machten, war ich mir sicher: sie wollten einen Schneemann bauen. Für den Kopf nahmen sie jetzt auch Schnee von dem Haufen, auf dem ich lag. Viele Schneeflocken, die mit mir geflogen waren, nahmen sie. Als das Mädchen noch ein wenig Schnee nahm, um den Kopf noch etwas runder zu machen, war auch ich dabei. Vor zwei oder drei Monaten war ich schon einmal Teil eines Schneemannes. Das ist sehr eng, denn wenn wir vielen Schneeflocken aneinander halten sollen muss man uns fest zusammen drücken. Der Schneemann, zu dessen Kopf ich gehörte, stand ungefähr vier Wochen lang. Dann schien die Sonne aber so stark, dass die obersten Schneeflocken zu schmelzen begannen und den Schneemann heruntertropften. Dann war auch ich dran und eigentlich müsste ich jetzt “Rainy” heißen. Auch ich tropfte hinunter auf den Boden, auf dem schon längst alle anderen Schneeflocken geschmolzen waren und sich in kleinen Pfützen gesammelt hatten, die langsam im Boden versickerten. Die Pfütze, in der ich gelandet war, war groß und so dauerte es lange bis ich mit den anderen durch die vielen Erdschichten floss, bis ich ins Grundwasser gekommen war. Dort blieb ich einige Zeit, bis ich durch eine Quelle in einen kleinen Bach kam, der in einen See mündete. Inzwischen war es Frühling geworden. Der See war eher klein aber es gab viele Fische darin. Deshalb kamen viele Angler. Manchmal war es nur einer, manchmal waren es aber auch zwei oder drei. Es wurde immer wärmer und die Fische schwammen jetzt öfter unten am Boden des Sees. Im Sommer wurde es mir langweilig im See und ich beschloss zu versuchen an die Oberfläche zu kommen, damit ich so viel Sonne abbekam, dass ich verdampfte. Nach einer Weile gelang es mir dann auch. So flog ich als Wasserdampf in Richtung Himmel, wo ich mich einer kleinen Wolke anschloss. In dieser Wolke schwebte ich ein paar Tage am Himmel, bis sie sich in die vielen Wassertropfen zurückverwandelte, aus denen sie bestand. Als Wassertropfen waren wir zu schwer, um weiter am Himmel zu schweben und so kamen wir als Regen auf die Erde zurück. Viele Menschen freuten sich über uns, was sonst bei Regen eher selten ist, aber es hatte schon lange nicht mehr geregnet und die Blumen in ihren Gärten waren schon fast vertrocknet. Ich versickerte wieder und blieb dieses mal nur sehr kurz im Grundwasser, weil es in der Nähe einen Fluss gab, in den ich floss. Der Fluss war sehr tief und floss schnell. Er mündete in die Nordsee. Dort blieb ich bis der Herbst fast vorbei war und der Winter kam. Als ich an den Strand gespült wurde, war es aber noch einmal sehr warm und ich verdampfte. In der Wolke, in der ich landete, blieb ich bis es Winter war und jetzt fliege ich, wie gesagt, gerade auf Europa zu. Mal sehen, ob ich auch dieses Jahr wieder in einem Schneemann verbaut werde.

Jonna Heider

 

Die Weihnachtsreise

Es war der Abend des 8. Dezember und die Reise stand kurz bevor. Doch wer durfte diesmal mit zum Weihnachtsfest in ein anderes, unbekanntes Land? Wo es hingeht wusste keiner so genau, doch es wurde viel gemunkelt. Manche sagten, sie würden nach Holland fahren, andere behaupteten, die Reise ginge nach Deutschland. Vielleicht feiern sie Weihnachten aber auch in Italien.
Er war 13 Jahre alt und lebte mit seiner großen Familie in Dänemark. Er war mächtig aufgeregt, denn die Alten hatten viel erzählt. Man würde nur die Schönsten nehmen und nur die aller Besten dürften mitfahren. Deshalb hatte er sich beim Wachsen immer Mühe gegeben, viel getrunken und sich jeden Tag der Sonne zugewandt.
Mitten in der Nacht ging es los. Er bekam nichts davon mit, denn er schlief und träumte. Sie kamen und sortierten alle und holten sie mit großen Lastern ab. Als er aufwachte hörte er Stimmen. Er erkannte die deutsche Sprache. Hatten sie ihn etwa ausgesucht und mit auf die Reise genommen? Er konnte es nicht glauben. Sie waren schon an ihrem Reiseziel angekommen und er hatte alles verschlafen. Nun wurden sie alle aufgestellt und warteten darauf, dass nette Leute sie zu ihrem Weihnachtsfest holen würden. Unter den ersten Besuchern war ein junges Pärchen, dem er sehr gefiel. Sie sahen lieb aus, aber sie hatten keine Kinder dabei. Er wünschte sich doch so sehr ein Weihnachtsfest in einer Familie mit Kindern.
Sie nahmen ihn mit und gingen ganz behutsam mit ihm um. Trotzdem wurde er immer trauriger. So hatte er sich das Weihnachtsfest nicht vorgestellt. Er wollte die Zeit mit fröhlichen Kindern in einem tollen Haus verbringen. Nun wurde er auch noch in einen Schuppen gebracht und musste mit seinem Bein in einem Wassereimer stehen. Sollte die Weihnachtszeit bei den Deutschen wirklich so sein? Er erinnerte sich an die Geschichten der Alten und träumte davon.
Ein paar Tage später kam der nette Mann wieder zu ihm und trug ihn vorsichtig ins Haus. Dort zog er ihm einen verschnörkelten Ständer an. Die Frau kam freudig dazu und gemeinsam schmückten sie ihn mit glänzenden Kugeln und funkelnden Lichtern, wobei sie leise von Heimlichkeiten und Überraschungen sprachen. Er konnte es kaum glauben, er fühlte sich großartig. Doch auf einmal verließen die Beiden den Raum und verschlossen die Tür hinter sich. Er stand ganz alleine im Dunkeln da und hörte die Kirchenglocken in der Ferne. Er lauschte ihnen und schlief ein.
Plötzlich erwachte er aus seinem Traum. Das Paar schien wieder da zu sein. Die Tür wurde geöffnet und zwei Kinder strahlten ihn mit großen Augen an. Unter ihm lagen viele bunte Geschenke und seine Lichter waren angezündet. Der Weihnachtsmann war wohl in der Zwischenzeit hier. Das ganze Haus duftete herrlich nach Weihnachten, im Kamin loderte ein kleines Feuer und man hörte leise Weihnachtsmusik. Alle waren überglücklich. Aber am glücklichsten war die dänische Nordmanntanne, denn ihr größter Wunsch ging an diesem Heiligen Abend in Erfüllung. Sie war ein richtiger Weihnachtsbaum bei einer lieben Familie mit Kindern, die sie für den schönsten Baum der Welt hielten.

Hendrik Wölert